10.07.2019rss_feed

Mindesthaltbarkeitsdatum war gestern

Frische-Sensoren sorgen für weniger Verschwendung

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) des Joghurts im Kühlschrank endete eigentlich schon vor einigen Tagen, und zweifelnd wiegt man den Becher in der Hand. Müslischale oder Biotonne? Die zeitliche Angabe hilft nur bedingt, weil Joghurtkulturen nicht nach dem Kalender leben. Gesundheitsexperten raten Menschen, die ihren eigenen sensorischen Fähigkeiten nicht trauen, im Zweifel eher Risiken zu vermeiden. Gleichzeitig müssen wir alle der Verschwendung von Lebensmitteln dringend Einhalt bieten. Verfallsdaten schätzen, wann ein verderbliches Produkt möglicherweise nicht mehr essbar ist, aber sie spiegeln nicht zwangsläufig dessen tatsächliche Frische wider, so Giandrin Barandun vom Bereich Bioengineering des Imperial College in London. Was fehlt ist ein Indikator, der genau Aufschluss darüber geben kann, ob unser Joghurt noch bedenkenlos verzehrt werden kann – auch jenseits des MHD.


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Analyse statt Schätzung

Genau diesen Indikator versuchen die Wissenschaftler am Imperial College zu entwickeln. Zu Nutze machen sie sich dabei, dass Lebensmittel wie Fisch oder Fleisch wasserlösliche Gase wie Ammoniak oder Trimethylamin freisetzen, wenn sie nicht mehr genießbar sind. Die Idee, charakteristische Moleküle als Biomarker gegen den Verfall einzusetzen, ist nicht neu. Bisherige Gassensoren waren aber entweder zu teuer oder ließen – wenn sie etwa nur einen Farbwechsel auf einem Indikationsfenster anzeigten – viel Spielraum für Interpretation.

Sensoren mit besonders feiner Nase

Die Londoner Forscher haben dagegen papierbasierte elektrische Gassensoren (PEGS) entwickelt. Dazu werden Kohlenstoffelektroden auf Cellulosebahnen gedruckt, deren elektrische Leitfähigkeit sich mit der Gaskonzentration in der Verpackung verändert. Die biologisch abbaubaren Materialien sind preisgünstig und ungiftig, können aber vor allem in die Verpackung integriert werden und ihre Informationen über einen NFC-Chip (Near Field Communication) an ein Smartphone schicken. Über eine entsprechende App können Nutzer auf dem Display sehen, wie frisch Fisch oder Fleisch in der unversehrten Verpackung tatsächlich sind.

Dank niedriger Kosten beliebig skalierbar

In Versuchsreihen konnten die Forscher die Beziehung zwischen der Gaskonzentration und dem tatsächlichen Vorkommen von Bakterien bestimmen. Außerdem sollen viele Nachteile bisheriger Gassensoren eliminiert sein: So funktioniert PEGS auch bei 100% Luftfeuchtigkeit problemlos, während andere Sensoren bei Werten über 90% schon nicht mehr zuverlässig funktionierten. Ein weiterer Pluspunkt: Der Betrieb erfordert keine höheren Temperaturen und somit auch keine Energiequellen. Vor allem dürften auch die niedrigen Kosten von nur zwei Cent je Sensor einem flächendeckenden Einsatz nicht im Wege stehen. Wir glauben, dass unsere sehr einfache Technik leicht skaliert werden kann, um PEGS in großem Maßstab zu produzieren, indem vorhandene Druckverfahren für hohe Auflagen verwendet werden, sagt Firat Güder vom Imperial College London. Er hofft, die neuen Sensoren könnten mittelfristig sogar Verfallsdaten vollständig ersetzen.

Für den Zweifler am Kühlschrank ergeben sich daraus in Zukunft völlig neue Möglichkeiten. Denn sind die Daten einmal in der Cloud, wissen auch Alexa, Siri oder Cortana auf Nachfrage, ob das Rinderfiletstück noch gut ist oder nicht.


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